Ein Abend über Anna Freud, Sprache als Selbstbehauptung und das Heikle zwischen Fakt und Fiktion
Die Räume des Freud Museum Wien tragen noch immer die leise Elektrizität jener Gespräche, in denen Psychoanalyse einmal Welt wurde. Genau hier las Tom Saller aus seinem Roman Ich bin Anna – und sprach anschließend mit Daniela Finzi, Wissenschaftliche Leitung des Freud Museums Wien, über die Anna hinter dem berühmten Namen: Tochter, Analytikerin, Zeitzeugin. Ein Abend, der Literatur und Ort auf selten stimmige Weise zusammenbrachte.
Eine besondere Atmosphäre
Zwischen Couch und Vitrine, wo Fotografien und Arbeitszeugnisse an Sigmund Freud erinnern, lässt Saller die ersten Seiten klingen. Die Lesung beginnt ruhig, präzise, beinahe klinisch – und gewinnt schnell jene Wärme, die entsteht, wenn ein Text sich in einem Raum zu Hause fühlt. Man hört das Rascheln, das leichte Lachen, dieses konzentrierte Schweigen nach einem Satz, der sitzt.
Im Gespräch
Über Anna Freud: Saller zeichnet sie als Figur der Selbstbehauptung – im Schatten des Vaters, doch nicht in seiner Kopie. Die Sprecherin fragt beharrlich nach: Wo endet die Tochter, wo beginnt die Analytikerin? Wie spricht eine, die ihr eigenes Begehren zunächst in der Sprache der Theorie findet?
Über Methode & Moral: Wie nahe darf Literatur an die Biografie realer Menschen rücken, ohne übergriffig zu werden? Saller spricht über Recherche (Briefe, Orte, Sekundärliteratur), über das Weglassen als Form des Respekts – und über das „Bezeugen“ statt Behaupten: Nicht jede historische Lücke müsse der Roman füllen, manche Leerstelle sei wahrer als eine erfundene Antwort.
Über Psychoanalyse im Roman: Das Gespräch streift den Todestrieb und die heikle Dreieckskonstellation zwischen Anna, Sigmund Freud und dem Patienten Ludwig Stadlober. Saller interessiert, wie Theorie Figuren verändert: Nicht als These auf dem Podest, sondern als innerer Zwang, der Dialoge, Schweigen und Entscheidungen färbt.
Über 1938: Die Moderatorin lenkt auf den historischen Wendepunkt. Saller erzählt, wie der Anschluss, die Enge von Verfolgung und Flucht, dem Text seinen Herzschlag gibt: Die Frage, was Literatur darf, wird in Zeiten der Gefahr zu was Literatur muss – Zeugnis, Erinnerung, Gegenstimme.
Auf ein Wort
Ein Abend der nachhallt
Weil Ort und Stoff sich spiegeln: Im Freud Museum wird das Gespräch über Innenräume – Begehren, Angst, Loyalität – selbst zum Innenraum.
Und weil Saller, mit der Ruhe eines Arztes und der Genauigkeit eines Erzählers, zeigt, dass Literatur weder Anklage noch Alibi sein muss, sondern eine Art Wahrnehmungsübung:
sehen, was da ist;
benennen, was benannt werden kann;
aushalten, was offen bleiben muss.
Für alle, die nicht dabei waren
- Das Video der Veranstaltung zeigt Lesung und Gespräch in voller Länge (Youtube - Weiterleitung).
- Wer Ich bin Anna liest, hört vielleicht die Stimmen dieses Abends mit – und die knarrende Stille eines Museums, in dem Sprache einmal Therapie wurde.

